Chaladhir Verlag - Blog


In den letzten Monaten beobachte ich auf BookTok und in der deutschsprachigen Buchblogger-Szene eine Entwicklung, die mich zunehmend beschäftigt.
Nicht weil Konflikte neu wären, die gab es schon immer, sondern weil sich das Verhältnis verschoben hat. Drama ist nicht mehr Randerscheinung.
Es ist zum Content geworden.

Was BookTok einmal war

BookTok entstand aus echter Leidenschaft. Menschen, die Bücher lieben, teilten diese Liebe in kurzen Videos. Empfehlungen, Rezensionen, emotionale Reaktionen auf Twists, Diskussionen über Charaktere. Eine Community, die durch eine gemeinsame Sache verbunden war: Geschichten.

Das ist noch nicht verschwunden. Vielleicht 1 von 20 Videos/ Beiträge in meiner Timeline stellt wirklich noch ein Buch vor. Aber diese Rezensionen bekommen zunehmend Konkurrenz von etwas anderem.

Die Schlammbad-Ökonomie

Blogger streiten mit Bloggern.
Rezensent:innen gehen aufeinander los.
Alte Aussagen werden ausgegraben, Screenshots kursieren, Lager bilden sich.
Was der konkrete Auslöser ist, spielt nach kurzer Zeit keine Rolle mehr. Die Energie verselbstständigt sich. Und der Algorithmus tut sein Übriges: Empörung erzeugt Interaktion, Interaktion erzeugt Reichweite.

Soweit ist das bekannte Plattform-Logik. Was jedoch hinzukommt ist, dass auch Autor:innen dieses Muster erkannt haben und es bewusst nutzen.

Autoren springen auf den Zug

Man sieht es mittlerweile regelmäßig: Ein Beef bricht aus, und innerhalb kurzer Zeit mischen sich Autor:innen ein. Nicht weil sie persönlich betroffen sind. Nicht weil sie einen echten Standpunkt vertreten müssen. Sondern weil sie sehen, dass Drama Aufrufe bringt.

Das ist nachvollziehbar. Wer monatelang an einem Buch arbeitet, einen Trailer produziert, Texte schreibt und dann beobachtet, wie ein impulsiver Kommentar zu einem laufenden Beef in zwei Stunden mehr Reichweite erzeugt als drei Wochen Content-Arbeit, der ist versucht, daraus Schlüsse zu ziehen.

Aber ist der Schluss wirklich der Richtige?

Was dabei verloren geht

Irgendwo in all dem verschwinden die Bücher selbst. Die Geschichten, für die jemand ein Jahr oder mehr seines Lebens aufgewendet hat. Die Charaktere, die jemanden durch eine schwierige Zeit begleitet haben. Die Welten, die jemand mit echter Überzeugung gebaut hat.

Sie gehen unter. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil Streit lauter ist als Inhalt.

Und das ist das eigentliche Problem: Eine Community, die sich Buchliebe auf die Fahne schreibt, hat sich in Teilen in eine Aufmerksamkeitsbörse verwandelt, in der das Drama regiert.

Das Internet vergisst nicht. Auch das nicht

Wer als Autor sichtbar wird, weil er sich an einem Beef beteiligt hat, ist sichtbar als jemand, der sich an einem Beef beteiligt hat.
Das ist der erste Eindruck, den potenzielle Leser:innen bekommen. Der Algorithmus bringt sie vielleicht zum Profil — aber was halten sie dann fest?

Im besten Fall nichts Besonderes. Im schlechtesten Fall genau das Falsche.

Gleiches gilt für Blogger und Rezensent:innen: Wer sich einen Namen macht durch das, was er gegen andere sagt, anstatt durch das, was er über Bücher zu sagen hat, hat eine Marke aufgebaut, aber nicht unbedingt die, die langfristig trägt.

Eine Community ist das, was sie feiert

BookTok ist nicht verloren. Aber es lohnt sich, gelegentlich innezuhalten und zu fragen: Worüber redet die Community gerade? Über Bücher oder über sich selbst?


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